An(ge)dacht

Liebe Gemeinde,

»Das ist mein Schatz«, sagte eine junge Frau und legte ihr Gesangbuch auf den Tisch. Und dann erzählt sie mir viel aus ihrem Leben und von ihrem »Schatz«. Die Lieder des Glaubens, die in unseren Gesangbüchern zu finden sind, wollen uns begleiten durch verschiedene und Tages- Kirchenjahreszeiten, aber auch in persönlichen Lebens- und Glaubensstationen. Dazu kommen die gesungenen Gebete des Lobes Gottes und der Klage, Bekenntnisse und Vergewisserung des Glaubens. Und wenn wir sie lesen oder singen verbinden sie sich mit unserem Leben.

In den Sommerwochen wurden in unseren Gottesdiensten Lieder Martin Luthers zum Inhalt der Predigten. Martin Luther war sozusagen der »Erfinder« des Gemeindeliedes, denn in vorreformatorischer Zeit sang die Gemeinde fast ausschließlich innerhalb der Liturgie. Aber zur Neuordnung des Gottesdienstes gehörten nach Luthers Auffassung die Lieder des Glaubens, die »die Tür zur Welt Gottes öffnen«.

Martin Luther erkannte den Reichtum der Musik und die Kraft des gemeinsamen Singens. Durch ihn und seitdem durch die Jahr- hunderte entstanden und entstehen Lieder des Glaubens.

Ich will uns für den Monat des 500. Jahrestages der Reformation und für den darauffolgenden November mit seinem besonderen Blick auf Trauer und Tod Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« ins Gedächtnis rufen. Ja, dieses Lied ist eng verbunden mit den Gedanken der Reformation und wird oft als ihre Hymne bezeichnet. Doch dies wurde das Lied erst nach dem Tod Martin Luthers. »Ein feste Burg ist unser Gott« entstand in anderem Zusammenhang. Als Quelle seines Liedes hat Martin Luther den Palm 46 benannt mit seiner prägnanten Aussage: Gott ist unsere Zuflucht und Kraft. Das Lied wird 1527/28 entstanden sein. Luther war schwer krank, dem Tod nah. »Fast habe ich Christus ganz verloren, umhergetrieben von den Fluten der Verzweiflung, aber Gott hat sich meiner erbarmt«, so schrieb er in einem seiner Briefe. Wenn wir im November solche Grenzerfahrungen auch für uns in den Blick nehmen, können wir in Luthers Lied vielleicht gerade diese Seite entdecken. Luther beschreibt Grenzerfahrungen, die wir Menschen alle in jeweils eigener Weise machen. Von Tod und Teufel ist die Rede. Aber sein Lied singt auch von dem Trost, dass Gottes Macht uns umgibt, wo wir selbst ohnmächtig sind. Es lässt uns nachsprechen oder singen, dass mit der Auferstehung Jesu Christi dem Tod jede Macht genommen ist und wir leben können im Blick auf die Ewigkeit, in der alle Tränen von unseren Augen abgewischt sein werden.

Entdecken wir doch – vielleicht ganz neu oder wieder – den Schatz der Glaubenslieder. Sie wollen unsere Gemeinschaft fördern, uns stärken und ermutigen.

Bleiben Sie gut behütet.
Ihre Superintendentin Uta Krusche-Räder

Gesangbuch von 1566 aus der Bibliothek der Marienkirche

Gesangbuch von 1566 aus der Bibliothek der Marienkirche 

Monatspruch Oktober

Es wird Freude sein
vor den Engeln Gottes
über einen Sünder,
der Buße tut.

Lukas 15,10

Luther und Melanchton als Lukas und Markus im Gewölbe der Marienkirche